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Autoaggression/Selbstverletzendes Verhalten

Es gibt kaum eine Erkrankung - eine Verhaltensweise - um die sich hartknäckiger Mythen und Vorurteile halten wie selbstverletzendes Verhalten.
Wenn hier von selbstverletzendem Verhalten geschrieben steht, dann sind damit Menschen gemeint, die sich z.B. mit Scherben die Haut einritzen, sich mit Rasierklingen oder einem Messer Schnittwunden beibringen oder sich mit Zigaretten oder einem Bügeleisen Verbrennungen zufügen.
Diese Arten der Selbstbeschädigung sind ganz offensichtlich. Sie fallen besonders auf und sind vielleicht auch gerade deshalb so erschreckend.
Doch es gibt unzählige Arten, sich selbst Verletzungen zuzufügen, sich selbst für eine vermeintliche "Schuld" zu bestrafen, die weit weniger offensichtlich sind.

Beim Lesen des folgenden Textes - zusammengesuchte Erklärungsversuche aus Büchern, Zeitschriften etc - möchte ich noch unbedingt darauf hinweisen, daß bei vielen Menschen,die eine Tendenz zu selbstverletzendem Verhalten haben, alleine das Lesen dieser Zeilen und das Ansprechen der Thematik einen negativen Impuls auslösen kann.

---> Seid daher beim Lesen bitte besonders vorsichtig und nehmt den Hinweis ernst - ich spreche - leider - aus Erfahrung!



I. Definition "Selbstverletzendes Verhalten"

"Der Begriff SVV, welcher auch unter den Titel Auto- bzw. Selbstaggression fällt, bezeichnet eine Handlung, in der sich eine Person selbst Verletzungen zufügt."
Selbstverletzendes Verhalten = abgekürzt "SVV" - und aktive Selbstverletzung = "ASV" - ist ein krankhaftes Verhalten, ein Versuch, dem eigenen Körper bewußt oder unbewußt Schaden zuzufügen.
Obwohl die selbstzugefügten Verletzungen schwerwiegend sind, ist SVV KEIN Selbstmordversuch und hat grundsätzlich keine suizidale Neigung.

Grundsätzlich unterscheidet sich die SVV in "offener SVV" und "heimlicher SVV".
Die offene Selbstverletzung hat nichts mit der "Offensichtlichkeit" der Verletzung zu tun (d.h. ob andere sie nun wahrnehmen können oder nicht), sondern bezeichnet den Umstand, daß der Betroffene weiß, daß er sich selbst verletzt hat.
--> Er weiß, daß die Verletzungen durch sich selbst zugefügt wurden.

Die "heimliche" Selbstverletzung (= Factitious disease) bedeutet, daß Betroffene sich nicht bewußt sind - und es oftmals erst mal gar nicht glauben können - daß sie sich selbst verletzen, sich selbst krank machen - daß die an ihrem Körper auftauchenden Verletzungen durch sie entstanden sind.
Sie leugnen das nicht nur gegenüber anderen, sondern auch gegenüber sich selbst.

Selbstverletzendes Verhalten wird in drei Arten unterschieden:

A.) Selbstverstümmelung.

Bei dieser seltensten und extremsten Form von SVV werden Gliedmaßen und andere Körperteile amputiert - wie z.B. Kastration.
Diese schlimmste Form von SVV hinterläßt nicht nur Narben, sondern katastrophale und irreperable Schäden.

B.) Innere Verletzungen

Bei dieser Form von SVV versucht der Betroffene, sich innere Verletzungen zuzufügen - innere Blutungen auszulösen, sich beißen, schlagen, mit dem Kopf gegen die Wand schlagen, sich Schmutzwasser in die Blase oder Vene injizieren - oder, in extremem Fällen, sich sogar die Augäpfel eindrücken.

C.) Äußere Verletzungen

Diese Form der SVV ist sicherlich die am häufigsten auftretende Art der Selbstverletzung überhaupt.
Darunter fallen:

- sich selbst die Haare ausreißen
- sich mit Feuerzeug, Zigarette, Kerzen oder Bügeleisen Verbrennungen zufügen
- sich mit heißem Wasser verbrühen
- sich mit Scherben oder Rasierklingen die Haut aufritzen
- Wunden am Heilungsprozeß hindern und immer wieder neu aufreißen
- sich selbst kratzen
- sich die Knochen brechen
- Stechen
- Verätzen durch Laugen und Säuren

und etwas weniger offensichtlichere Methoden, sich selbst Schaden zuzufügen:
- exzessivem Sport
- ungesunde Ernährung
- zuwenig Schlaf
....usw......

Die Formen sind vielfältig - doch fast jeder entwickelt "seine Form" der Selbstverletzung, in makaberer Weise seine persönliche Vorliebe, sich selbst Schaden zuzufügen. Es ist nicht ungewöhnlich, daß mehrere verschiedene Techniken der SVV parallel angewandt werden.
Meist nimmt die Häufigkeit der "Selbstverletzungsattacken" und auch die Schwere der Verletzung mit der Zeit zu.
Verletzt wird im geheimen, im Verborgenen - und fast immer an Körperstellen, die für andere nicht sichtbar sind bzw gut mit Kleidung abdeckbar sind.
Die Scham ist bei vielen so groß, daß sie nicht mehr baden gehen, sich nicht mehr leicht bekleidet außer Haus wagen und selbst im Hochsommer lange Hosen und lange Pullover, Strickjacken etc tragen.
Es gibt sicherlich auch eine - zwar kleine, aber vorhandene - Gruppe von SVV-Betroffenen, die ihre Verletzungen offen zur Schau stellen, andere damit provozieren wollen und sie sogar betonen, damit sie auffällig werden.
Die Scham ist meist groß, die Versuche der SVV werden von der Umgebung häufig heftig abverurteilt bzw mißinterpretiert - daher fällt es den meisten schwer, um Hilfe von außen zu bitten.



Die Hintergründe der Selbstverletzung

1. WER
fügt sich denn selbst absichtlich Schaden zu? ...so fragt sich mancher bange und verwundert!

Doch keiner, der sich selbst verletzt, ist pervers oder "abnorm", es ist eine krankhafte Handlungsweise - für den einen ist sie Möglichkeit mit seelischem Schmerz umzugehen, für den anderen eine Überlebensstrategie ("Ich blute, also bin ich"), für andere ein Mechanismus, innere Schuld-und Schamgefühle zu überwinden, sich überhaupt noch in irgendeiner Weise zu spüren, kurzzeitig die innere Spannung abzubauen....Die Gründe und Motivationen sind individuell und vielfältig.
ABER NIEMALS PERVERS, keine sexuelle Neigung oder ähnliches.
Es ist vielmehr eine erschreckende und traurige Art, mit seinem Körper in Kontakt zu treten.

Von SVV sind sowohl Frauen als auch Männer betroffen - doch die Frauen sind deutlich in der Überzahl. Statistisch gesehen liegt das Verhältnis zwischen betroffenen Frauen und Männern etwa bei sechs zu eins.
Erklärbar könnte das sein durch das ähnliche Zahlenverhältnis des sexuellen Mißbrauchs bzw vor allem aber an dem unterschiedlichen Umgang mit Aggression und Emotionen bei Männern und Frauen. Bei Männern ist die Tendenz zu beobachten, - ob nun kulturell bedingt, gesellschaftlich oder biologisch - mit aggressiven Spannungen so umzugehen, dass sie sich eher an anderen Körpern abreagieren und andere angreifen, als sich selbst.
Frauen richten ihre Aggressionen hingegen eher gegen sich selbst.
Doch auch Männer verletzen sich selbst -insbesondere dann, wenn sie ihre Aggressionen nicht mehr nach aussen wenden können.

Am häufigsten ist SVV in Verbindung mit Eßstörungen zu finden. Ebenso wie die Eßstörung hilft auch das selbstverletzende Verhalten den Betroffenen zum Verdrängen, zum Abblocken von Nähe, Emotionen, Eindrücke und zur Äußerung von Gefühlen und Empfindungen.

Selbstverletzung kommt auch in allen sozialen Schichten vor - es hat nichts mit Intellekt und Bildung zu tun, da SVV eine emotionale Störung ist.

2. Ursachen

Obererste Ursache ist wohl fast immer sexueller und körperlicher Mißbrauch in der Vergangenheit.
Dies muß allerdings nicht IMMER die Ursache sein, denn auch andauernde Ablehnung, Vernachlässigung in der Kindheit, mangelnde körperliche und/ oder seelische Zuneigung, zerrüttete Familienverhältnisse etc werden als mögliche Ursache beschrieben.

SSV kann aber auch aus :
- Depressionen,
- Eßsstörungen: Anorexie- und Bulimie- oder Adipositas-Phasen
- Mißbrauchserfahrungen
- Depravationen
- wiederholten Traumatisierungen
- Pubertätsumstellungen
- Kontrollverlusten
- Körperschema-Störungen
- Zwangsverhalten (OCD: Obsessive-Compulsive Disorder)
- schweren Zurücksetzungen
- psychotischen bzw. Borderline-Zuständen
- schizophrenen Schüben
und ähnlichen seelischen Störungen entstehen.

Obwohl Mißbrauchserfahrungen und Gewalterfahrungen die häufigste Ursache für ein selbstverletzendes Verhalten sind, so ist dies nicht die alleinige Ursache.
Eine weitere, wichtige krankmachende Ursache ist das aufwachsen in einer nach außen hin völlig normalen Familiensituation, aber mit gestörter Eltern/Kind-Bindung. Gemeint ist damit ein Aufwachsen in einer Umgebung, in der das Kind/Jugendliche nicht beachtet wird, an dessen Erfahrungen kein Anteil genommen wird, wo persönliche Erfahrungen nicht konstant, unberechenbar oder unangemessen widergespiegelt wird. Eigene Erfahrungen sind nicht erwünscht; anstatt dessen wird bestraft, nicht ernst genommen oder gar Erfahrungen ins Lachhafte gezogen.
Emotionale Erfahrungen dürfen nicht ausgedrückt werden, das eigene Verhalten wird von anderen ausgewertet, abverurteilt, eine Selbstanalyse und das Aufbauen eines stabilen Selbstbildes wird unmöglich gemacht.
Für den Betroffenen bedeutet es, daß es zum einen seinen eigenen Erfahrungen, Emotionen seiner Analyse nicht trauen kann - zum anderen werden die gemachten Erfahrungen als Charakterfehler, nicht akzeptalbe persönliche Züge und fehlerhaftes Verhalten eingestuft und abverurteilt.
Wer kennt sie nicht, die Sätze:
"Du bist wütend, traurig, eifersüchtig (egal welche Emotionen) - Du willst es nur nicht zugeben!"
"Du sagst nein, aber Du meinst JA, ich weiss das!"
"Du hast das getan (etwas, was du in Wirklichkeit gar nicht getan hast). Hör auf zu lügen!" "Wenn Du nur wolltest, könntest Du...."
"Du willst uns nur bloßstellen, auf dem Kopf herumtanzen...das kennen wir ja von Dir"
"Sei nicht so zimperlich, überempfindlich"
"Es geht Dir gut - Du hast keinen Grund, traurig zu sein!" "Ich gebe Dir gleich einen Grund zum Weinen!" "Gib doch endlich zu - Du tust das alles nur, um mir wehzutun."

Die Folge bei andauernder Verkennung und Druck:
--> Emotionen werden unterdrückt, der Betroffene kann sich selbst nicht mehr "trauen", Fremd- und Selbstbild stimmen immer weniger überein.

Allen gemeinsam ist allerdings die Ablehnung und mangelnde Selbstliebe des eigenen Ichs und des eigenen Körpers.
Viele Betroffene berichten auch, daß sie teilweise nur durch diese schmerzhaften Impulse in der Lage sind, ihren Körper wahrzunehmen.
Andere brauchen den Anblick des eigenen Blutes, um sich in ihrem innerlichen tauben und gefühllosen Zustand davon zu überzeugen, noch am Leben zu sein.

Gerade bei Mißbrauchs-Opfern oder Vergewaltigungsopfern bleibt ein großer Haß auf den eigenen Körper zurück - und Scham- und Schuldgefühle. Sie wissen nicht, wie sie damit umgehen können - die SVV kann ein Ventil sein, diese intensiven Gefühle auszudrücken bzw aber auch Bestrafung sein für die vermeintliche Schuld.
Für die meisten Betroffenen ist es einfacher, mit körperlichem Schmerz umzugehen, als den seelischen Schmerz auszuhalten oder auf gesündere Art ausdrücken zu können.

3. Was bewirkt Selbstverletzung beim Betroffenen?

Selbstverletzung kann in erster Linie helfen, sich selbst von ungewollten/ unliebsamen/ schmerzenden Empfinden, intensiven Gefühlseindrücken und Emotionen wie Wut, Trauer, Ärger, Einsamkeit, Scham, Schuld und anderen seelischen Qualen zu befreien.

Es wird im ersten Moment als "Ventil" empfunden, als große Erleichterung, den inneren Druck, die innere Qual "abfließen" zu lassen.

Bei sehr vielen Betroffenen ist nach einem Schnitt, einer Verletzung an sich selbst nach einer halben bis einer Minute der Kopf wieder frei, die Gedanken klar, die Gefühle herunterreguliert - und somit ertragbar.
Der innere/seelische Druck wurde dadurch geringer und es wird wieder leichter, klarer zu denken, reden, mit sich umgehen und sich kontrollieren können.

Sie sind bzw fühlen sich dadurch wieder gesünder.

Dieses Symptom wirkt meistens gegen Erregungszustände, die als dissoziative Zustände bezeichnet werden (ein Zustand, der sich anfühlt wie aus seinem Körper herausgetreten = Depersonalisation), oder Zustände der Unwirklichkeit = aus der Wirklichkeit herausgetreten (Fachwort: Derealisation).

Diese Mechanismen treten oft auf, um einer traumatischen Erfahrung zu entkommen.
Sie will - vermeintliche - Kontrolle, Macht und Unabhängigkeit über den eigenen Körper zeigen. Wenn jemand misshandelt oder missbraucht, sexuell gewaltsam behandelt wurde/wird, aber auch wenn jemand z.B. schwere Kinderkrankheiten hatte und Ärzte dieser Person Schmerzen zufügen mussten, kann es sein, dass die/derjenige lernt, Depersonalisation und Derealisation zu trainieren und gezielt einzusetzen.
Wie andere Symptome auch, z.B. Suchtverhalten, kann das Symptom anfangen, ein Eigenleben zu führen, so kann die SVV durchaus nach einer gewißen Zeit ein Suchtverhalten entwickeln - selbstverletzendes Verhalten wird zur Sucht.

Manchmal geschieht Selbstverletzung völlig spontan, einem inneren Impuls folgend, sie kann rituell entwickelt werden und makabererweise eine Art "Gewohnheit" werden.
Doch die meisten Betroffenen kämpfen lange Zeit gegen den Impuls an - Stunden, manchmal halbe Tage oder sogar mehrere Tage - und geben dann irgendwann einfach auf, haben keine Kraft mehr, sich dem Verlangen bzw dem Impuls zu widersetzen vollziehen und ihre selbstverletzende Handlung mechanisch, fast automatisch - wie in einer Art Alltagstrance, etwas weggetreten, manchmal auch neben sich stehend.
D.h. sie spüren oft gar nicht, daß die Rasierklinge die Haut zeschneidet, die Scherbe die Haut zerkratzt etc.
Das birgt die große Gefahr in sich, daß je mehr die Betroffenen "depersonalisiert" sind, je weniger sie sich selbst spüren - um so ärger und schlimmer werden die Verletzungen, da sie ja erst aufhören, wenn der Schmerzimpuls zu groß wird.

Doch nicht zwangsläufig spüren Betroffene von SVV den auftretenden Schmerz nicht sofort. Es gibt Betroffene, die sogar von einem gewißen, auftretenden Glücksgefühl sprechen, wenn der Schmerz einsetzt.

Doch nach einigen Stunden kommen dann meist große Selbstvorwürfe, der Vorwurf - versagt zu haben, schwach gewesen zu sein, sich nicht gesteuert zu haben, die Kontrolle verloren zu haben.
Es kommt zu einem "Katergefühl", ein bedrücktes, leeres, seelisch schmerzhaftes Gefühl. Der Kick, der durch SVV ausgelöst wird, reguliert sich nach einiger Zeit herab, und kann wiederrum depressive Verstimmungen auslösen - noch immer ist es nicht wissenschaftlich exakt ausgewertet und erforscht, ob und inwieweit Streßhormone und andere Hormone bei SVV eine wichtige Rolle spielen.
Das Einsetzen der depressiven Verstimmung, die Schuldgefühle, das Gefühl des Versagens - alles zusammen kann erneute Spannungszustände auslösen - ein Teufelskreis beginnt - und so mancher verletzt sich dann erneut.

4. Versorgung der Wunden

Es ist unbedingt nötig, NACH der selbstverletzenden Handlung GUT ZU SICH SELBST ZU SEIN, das bedeutet, Wunden gut behandeln zu lassen, dafür zu sorgen, daß der Körper heilen kann - und in schwereren Fällen sich unbedingt ärztliche Hilfe zu suchen.

Doch genau das ist schwer - denn was passiert beim Arzt?
Oft - leider noch viel zu oft - wird eine SVV als eine Art Selbstmordversuch angesehen - und ab gehts in die nächste Psychiatrie.
Damit ist keinem geholfen.
Manche versuchen, diese Situation geheimzuhalten und die Wunde zuhause zu versorgen und entwickeln dabei ganz gute Fähigkeiten als Krankenschwester für sich selbst.
Sie sind bei dieser Selbstversorgung selbstfürsorglicher als sonst.
Doch manchmal ist ärztliche Hilfe - wie etwa bei großen Schnittwunden - unbedingt notwendig. Manchmal kann auch gegenüber dem Arzt die SVV vertuscht werden - mit Ausreden wie "Das Messer ist mir abgerutscht", "Finger kam in die Brotmaschine", etc. - Gut wäre es, einen Arzt des Vertrauens zu haben, der "eingeweiht" werden kann und ausreichend über die Thematik "selbstverletzendes Verhalten" informiert ist und - und das ist wichtig - angemessen mit dieser Thematik umgehen kann.
Das Aufsuchen der nächstliegenden Notaufnahme bzw Unfallambulanz ist ein Glücksspiel - die weitergehende Behandlung hängt vom diensthabenden Arzt ab.
Es wäre gut, dort um die Zuziehung eines psychiatrischen Arztes/Ärztin zu bitten, da die Suizidialität bzw die Abschätzung - war es nun ein Selbstmordversuch oder nicht - schwierig ist.

Die meisten fragen sich: wohin also?
Am besten ist es immer noch, sich einem Mediziner anzuvertrauen, den der Betroffene für Vertrauenswürdig, kompetent und sympatisch empfindet.
Im Falle einer Klinikeinweisung kann dort vom Betroffenen selbst bzw von Angehörigen der Hinweis an den behandelnden Arzt gegeben werden, den Vertrauensarzt- Therapeut - zu kontaktieren und im günstigsten Fall weitere Behandlungsschritte (Psychopharmaka, Einweisung in psychiatrische Kliniken) mit ihm abgesprochen werden.

Doch wichtig ist in jedem Fall, daß Wunden gut versorgt werden, um nicht durch Infektionen etc noch größeren Schaden entstehen zu lassen.

5. Überwindung/Heilung von SVV

Es sind Fälle bekannt, da verletzen sich Menschen 2,3 mal - und dann nie wieder. Sie heilen "quasi von alleine ab".

Doch das ist die äußerste Seltenheit.

Menschen, die sich selbst verletzen - brauchen Hilfe.
Doch dafür gibt es keine "Pauschalhilfe" - während dem einen ein Klinikaufenthalt wirklich guttut, wird der andere dadurch erst recht krank, zieht sich in sich selbst zurück - die Symptomatik verstärkt sich.

Therapeutische Hilfe ist jedoch für SVV unabänderlich - unbedingt notwendig.

Doch der Wunsch nach Hilfe und nach Veränderung muß vom Betroffenen selbst kommen.
Wichtig ist es in jedem Fall, abzuklären, welche Gründe, welche Motivationen derjenige hat, um sich selbst so großen Schaden zuzufügen.
Erst wenn die Ursache behandelt wird - und nicht das Symptom, wie etwa "Rasierklingen wegsperren", Sedativa geben etc - und wenn der Betroffene Zugang zu seinem Körper gefunden hat, kann die SVV langsam überwunden werden.
Der Betroffene muß zudem lernen, ein besseres Körpergefühl zu entwicklen und muß langsam und in kleinen Schritten erlernen, Sorge für sich zu tragen, sich lieben zu lernen - es ist schwer, aber nicht unmöglich.

Sich die Problematik bewußt zu machen, ist sicherlich der erste Schritt - doch sollte sich ein Betroffener immer in therapeutische Behandlung begegeben.

6. Angehörige von SVV- Betroffene

Die meisten Betroffenen machen mit nahen Angehörigen, Partnern oder Freunden keine besonders guten Erfahrungen.
Teilweise reagiert das Umfeld unsensibel und gefühllos auf die Symptomatik, verleugnen sich selbst gegenüber die SVV, können oder wollen es nicht sehen, schieben sie dem Betroffenen allein zu oder sehen sie als das, was sie eben letztendlich meist auch ist, nämlich als VORWURF.

Oft wird Zwang auf die Betroffenen ausgeübt "wenn Du nochmal...dann...", verachtende Äußerungen "wenn Du nur wolltest, dann könntest Du das sehr wohl sein lassen" und letztendlich auch die Abwendung - denn "was man nicht sehen will - ist auch nicht da."

Anders ist es bei Freunden und Bekannten, die die Betroffenen mögen,innerlich sehr zugetan sind und lieben.
Sie möchten die Betroffene/n unterstützen.
Doch für die ist es oft ein grosses Problem, Selbstverletzungen nicht verhindern zu können.
Sie nehmen das persönlich und machen sich Vorwürfe.
Sie beziehen viel zu viel auf sich, indem sie fragen:
Was habe ICH falsch gemacht, dass du dich verletzen musst?
Sie stellen an sich die Erwartung: "Wenn ich nur ein guter Partner wäre, dann bräuchte meine Freundin sich nicht zu schneiden!"

Für beide Seiten ist wichtig zu wissen - keine der beiden Seiten hat es leicht.
Es ist schrecklich für Außenstehende, die schlimmen Verletzungen zu sehen, die Wunden zu bemerken - und nicht helfen, nicht verhindern zu können.
Alles das spricht für die Partner, spricht für die Freunde, es geht aber auch am Problem vorbei.
Durch eine gute Beziehung lässt sich zwar sicherlich selbstverletzendes Verhalten erheblich reduzieren, und sehr viele Betroffene stablilisieren sich, wenn sie eine solche Partnerschaft haben.
Dennoch kann eine noch so gute, liebevolle Beziehung aber nicht verhindern, dass Betroffene von aussen wieder irgendwie getriggert werden, - z.B plötzlich im Fernsehen irgendetwas sehen oder in einer Illustrierten etwas lesen, was sie in einen Ausnahmezustand versetzt. Dann müssen sie sich wieder verletzen, obwohl der Partner eigentlich alles richtig gemacht hat.
Ein solches Verhalten erschwert es aber wiederum den Betroffenen auch, mit sich umzugehen. --> Sie fühlen sich dann zusätzlich schlecht, fühlen sich als Versager ---> UND HABEN AUCH DEM PARTNER NOCH DAS LEBEN SCHWER GEMACHT!!

Daher wäre es am hilfreichsten, wenn der Partner dem Betroffenen gegenüber eine gewisse - wenn auch schmerzvolle und traurige - Gelassenheit der Symptomatik gegenüber entwickeln würde.

Nähe bieten aber sich selbst auch Abgrenzung verschaffen - Abgegrenztheit, die aussagt: "Ich mag dich, ich bin da, du kannst mit mir sprechen - aber den therapeutischen Weg wirst du auf deine Weise gehen müssen. Doch du bist nicht alleine."



Erste-Hilfe-Listen

Was tun, wenn der Impuls kommt? Nun, jeder muß sicherlich seinen eigenen Weg finden, den Impuls anders ausleben zu können, sie Aggressionen umlenken zu können (NICHT RUNTERSCHLUCKEN, sie MÜSSEN raus!).

Ich habe eine kleine Liste zusammengestellt, mit Tips, die ich in den letzten 5 Jahren Therapie, Krankenhaus, Psychiatrien etc bekommen habe.
Doch - und das ist sehr wichtig - ich kann hier keine therapeutische Hilfe leisten, ich bin nur eine Betroffene, die wie alle anderen auch Wege finden muß, gut mit sich selbst umzugehen.

Ich kann keine Verantwortung dafür übernehmen, was Euch guttut, was Euch helfen könnte. Ich kann nur die Tips auflisten, die mir Fachleute gegeben haben.

- Entspannungstechniken erlernen - Muskelentspannung nach Jakobsen, Yoga etc bzw für den Anfang: sich hinsetzen, eine entspannte Haltung versuchen einzunehmen - wie es eben gerade bequem ist - TIIIEEEEEFFF durchatmen, bewußt atmen, nachspüren - was macht der Atem mit mir, wo sitzt das "schlimme" Gefühl
- Duschen gehen
- ein warmes, entspannendes Bad nehmen
- bei großer Aggression ein Kissen nehmen, in das Kissen schlagen, gegen die Wand werfen, auf das Kissen einprügeln (aber wirklich nur auf das Kissen)
- einen Freund/Freundin anrufen
- Therapeut/Therapeutin anrufen, oder aber das Sorgentelefon, Notdienste etc
- die Gefühle aufschreiben - egal, was immer das für Gefühle sein mögen, einfach hinsetzen - Stift in die Hand nehmen und darauf losschreiben
- Musik hören
- Dein Lieblingslied 200 mal :-) anhören
- spazierengehen
- joggen gehen, so lange rennen, bis man ganz außer Atem ist (aber sofort aufhören bei Herzrasen, Schwindel, Schmerzen!)
- schwimmen gehen
- malen
- Knetmasse oder Salzteig nehmen und kneten, formen,etc
- wenn schon ein Messer - dann ein Schnitzmesser - und mit Holz Dinge schnitzen - aber nicht die eigene Haut
- Bügeleisen, Rasierklingen etc außer Reichweite bringen
- Zettel in der Wohnung anbringen mit kleinen Hinweisen : "Ich bin liebenswert"; "Mir darf es gutgehen"; "Ich hab mich lieb" (Ihr werdet nicht glauben, wie wirkungsvoll das sein kann!)
- einen Brief schreiben an den Menschen, der gerade so heftige und unbeherrschbare Gefühle auslöst - der Brief muß niemals abgeschickt werden. Aber es tut gut, alles aufzuschreiben
- Putzen - Boden schrubben etc.
- Listen schreiben mit mindestens 10 Punkten, warum Du es verdienst, geliebt zu werden und unverletzt zu bleiben
- mit Filzstift rote Striche auf die Haut malen (Filzstift sollte abwaschbar sein)
- in den Wald gehen und so laut schreien, wie man nur kann (oder unter die Bettdecke, und dort so laut schreien, wie man nur irgendwie kann)
- Mit Bodylotion oder gut duftenen Ölen einreiben - auch wenn es erst seelisch schmerzt - es erinnert daran, daß der Körper ein wundervolles Werk ist und verdient, unverletzt zu bleiben
- ein Gummiband um das Handgelenk tragen und schnalzen lassen, wenn der Drang, sich selbst wehzutun, zu groß wird
- sich hinlegen und ausruhen

Die Möglichkeiten sind vielfältig, dies ist nur eine kleine Liste - man könnte sie mit Sicherheit um hunderte Punkte vervollständigen....!

Wichtig ist nur eines:

Erlaubt ist alles, was guttut - was nicht selbst verletzt, was Dich nicht schädigt.

Du verdienst, daß Du Dich gut behandelst!

Du bist wunderbar und einzigartig - das solltest Du niemals vergessen.