Psychische Erkrankungen
MPS - mulitple Persönlichkeits- bzw Identifikationsstörung
Borderline- Persönlichkeitsstörung / Enstehung, Diagnostik
Borderline-Persönlichkeitsstörung / Ursachen und Therapie
Schizophrenie - Diagnose und Einteilung
Schizophrenie - Therapie und Prognose
Selbstverletzung / Autoaggression
Depression
Psychotisches Erleben - Psychose
Das Leben in eine schwarz-weißen Welt
Was ist eine "Persönlichkeitsstörung"? Woran grenzt die Borderline--Störung an? In welcher Hinsicht ähnelt sie anderen Störungen und wodurch unterscheidet sie sich?
Dies sind selbst für Psychiater und Psychologen schwierige Fragen, besondern in anbetracht der schwer faßbaren, komplexen, paradoxen Natur der Krankheit. Wörtl. übersetzt bedeutet "borderline" - Grenzlinie - psychiatrisch gesehen irgendwo zwischen Psychose und Neurose.
Die Borderline-Persönlichkeisstörung kann oft verdeckt auftreten, und Schnittstellen haben zu anderen Störungen - sogenannten Zustandsstörungen (z.B. Depressionen, psychotisches Erleben etc.) - oft tritt sie aber auch zusammen mit diesen Störungen auf. Mit Abklingen dieser Zustandsstörung bleibt jedoch die Grundstruktur der Borderline-Persönlichkeitsstörung bestehen und tritt aufgrund ihrer tief verwurzelten, langbestehenden Merkmale wieder deutlich zutage. Kennzeichnend für die Borderline-Persönlichkeit ist vor allem das ausgeprägte "Schwarz-Weiß"- Denken: ähnlich wie in der Welt des Kindes gibt es nur "gut" und "böse", "Helden" und "Verbrecher" - "schwarz" und "weiß"
1. Diagnostik
I. DSM-III-R
Die Borderline-Persönlichkeitsstörung ist eine von elf Persönlichkeitsstörungen, die im DSM-III-R aufgeführt sind. Charakteristisch für sie sind vor allem folgende 8 Symptome - zur Diagnosestellung müssen mindestens 5 dieser Kriterien erfüllt sein. Durch die folgenden Kriterien läßt sich in 80 % und mehr Fällen die Boderline-Störung von anderen Krankheiten unterscheiden.
1. Unbeständige und unangemessen intensive zwischenmenschliche Beziehungen
2. Impulsivität bei potentiell selbstschädigenden Verhaltensweisen, beispielsweise Drogen- und Alkoholmißbrauch, Sex, Ladendiebstahl, rücksichtsloses Fahren, übermäßiges Essen
3. Starke Stimmungsschwankungen
4. Häufige und unangemessene Zornausbrüche
5. Wiederkehrende Selbstmorddrohungen oder - versuche oder Selbstverstümmelungen
6. Das Fehlen eines klaren Identitätgefühls
7. Chronische Gefühle von Leere oder Langeweile
8. Verzweifelte Bemühungen, die reale oder eingebildete Angst vor dem Verlassenwerden zu verhindern
Erläuterung der einzelnen Kriterien:
1. "Die unablässige Suche nach dem richtigen Partner/Partnerin"
=unbeständige und intensive zwischenmenschliche Beziehungen, die zwischen Idealisierung und Abwertung des Gegenübers schwanken und eine auffallene Neigung zur Manipulation und klammernder Abhängigkeit an das Gegenüber aufweisen. Der Betroffene schwankt zwischen dem Wunsch nach völliger Verschmelzung und der Angst, verschlungen zu werden, was für ihn in seinem Erleben mit dem völligen Identitätsverlust gleichzusetzen ist. Aufgrund seiner meinst viel zu geringen persönlichen Unabhängigkeit macht er sich in einer verzweifelten und krankmachenden Weise von seinem Partner abhängig, gesunde Abhängigkeit und Unabhängigkeit wird durch intensive, schwankende, manipulierende Verbindungen ersetzt. Es fehlt die "Objektkonstanz" = die Fähigkeit, andere als komplexe Menschen wahrzunehmen, die sich dennoch widerspruchfrei verhalten können. Er erfährt sein Gegenüber auf der Basis der letzten Begegnung, nicht auf einer konsequenten Serie von Interaktionen, die eine breitere Grundlage haben.
2. "Der impulsive Charakter"
= Impulsivität in mindestens zwei Bereichen, die potentiell selbstzerstörerisch sind (Drogenmißbrauch, sexuelle Promiskurität, Spielen, Ladendiebstahl, Kaufsucht, übermäßiges Essen, Anorexia Nervosa, Bulemie etc......) Die Verhaltensweisen der Betroffenen sind oft widersprüchlich und ändern sich rasch, da sie für gewöhnlich starken, augenblicklichen Gefühlen entspringen. Aufgrund historischer Muster sind Beständigkeit und Vorhersagbarkeit für den Betroffenen unerreichbar und er begeht unvermeidlich ähnliche Fehler immer wieder.
3. "Radikale Stimmungsschwankungen"
=Affektive Instabilität: auffällige Stimmungsschwankungen in Richtung Depression, Reizbarkeit oder Angst, die meistens einige Stunden lang anhalten - jedoch nur sehr selten mehr als ein paar Tage. Die Grundstimmung ist meistens überaktiv und nicht zu unterdrücken - oder pessimistisch, zynisch und depressiv.
4. "Der rasende Stier"
= unangemessener, intensiver Zorn oder fehlende Kontrolle über den Zorn, wie z.B. häufige Gereiztheit, ständiger Zorn, wiederkehrende körperliche Auseinandersetzungen. Die Zornausbrüche sind genauso unvorhersehbar wie erschreckend und werden oft durch ein triviales Ereignis ausgelöst. Darunter liegt jedoch ein Arsenal von Angst vor der Bedrohung durch Enttäuschung und Verlassenwerden.
5. "Bitte um Hilfe"
=wiederkehrende Selbstmorddrohungen oder - versuche und Selbstverstümmelung
Selbstmorddrohungen und -versuche spiegeln die Neigung der Betroffenen zu überwältigenden Depressionen und Hilflosigkeit wieder, aber auch ihr Geschick, andere zu manipulieren.
Die Selbstverstümmelung hingegen beginnt oft als eine impulsive, selbstbestrafende Handling, die mit der Zeit zu einer einstudierten, ritualischen Handlungsweise wird.
6. "Wer bin ich?"
= auffällige und andauernde Identitätsstörungen, die sich mindestens durch zwei der folgenden Anzeichen manifestieren: Selbstbild, sexuelle Orientierung, Langzeitziele oder Berufswahl, Art der gewünschten Freunde, bevorzugte Werte. Es fehlt ein konstantes Identitätsgefühl, und eine Grundkonzeptualisierung anderer. Für Betroffene ist die Identität auf einer Kurve abgestuft - was heute ist und was sie tun, bestimmt ihren Wert. mit wenig Rücksicht auf das, was vorher war. Selbstachtung erhalten sie nur, wenn sie andere beeindrucken - anderen zu gefallen wird also wichtig für die Liebe zu sich selbst.
7. "Immer halb leer"
=Chronische Gefühle von Leere und Langeweile. Der Borderline-Persönlichkeit fehtl eine Grundidentität, d. h. es kommt zu einem häufigen Auftauchen einer schmerzlichen Einsamkeit, die sie motiviert, nach Möglichkeiten zu suchen, diese "Löcher" zu füllen - häufig einhergehend mit der Erfahrung einer Art existentiellen Angst. Das Bedürfnis der leere zu füllen oder die Langeweile zu erleichtern, kann zu Zornausbrüchen, selbstschädigender Impulsivität (besonders Drogenmißbrauch) und Stimmungsschwankungen führen, die dazu dienen sollen, irgendeine Gefühlsempfindung hervorzurufen.
8. "Andere richten sich nach mir, also bin ich"
= verzweifeltes Bemühen, die reale oder eingebildete angst vor dem Verlassenwerden zu verhindern. Ähnlich wie ein kleines Kind erfährt der Betroffene zeitweiliges Alleinsein oft als immerwährende Isolation. Aufgrund seiner wirklichen oder eingebildeten Angst, von geliebten Menschen verlassen zu werden, bekommt er starke Depressionen.
9. = vorgeschlagenes Kriterium
---> kurze psychotische Erfahrungen in Form von paranoiden Vorstellungen, meist auftretend durch schwere seelische Belastungszustände.
II. Diagnose nach dem ICD-10
Weitere Kriterien zur Festlegung der Diagnose "Borderline-Persönlichkeitsstörung" finden sich im ICD-10. Auszug:
F60.3 Emotional instabile Persönlichkeitsstörung
Eine Persönlichkeitsstörung mit deutlicher Tendenz, Impulse ohne Berücksichtigung von Konsequenzen auszuagieren, verbunden mit unvorhersehbarer und launenhafter Stimmung. Es besteht eine Neigung zu emotionalen Ausbrüchen und eine Unfähigkeit, impulshaftes Verhalten zu kontrollieren. Ferner besteht eine Tendenz zu streitsüchtigem Verhalten und zu Konflikten mit anderen, insbesondere wenn impulsive Handlungen durchkreuzt oder behindert werden. Zwei Erscheinungsformen können unterschieden werden: Ein impulsiver Typus, vorwiegend gekennzeichnet durch emotionale Instabiltität und mangelnde Impulskontrolle;und ein Borderline-Typus, zusätzlich gekennzeichnet durch Störungen des Selbstbildes, der Ziele und der inneren Präferenzen, durch ein chronisches Gefühl von Leere, durch intensive, aber unbeständige Beziehungen und eine Neigung zu selbstdestruktivem Verhalten mit parasuizidalen Handlungen und Suizidversuchen.
Persönlichkeit(sstörung):
- aggressiv
Borderline:
- reizbar (explosiv)
2. Die Borderline-Störung im Vergleich mit anderen psychiatrischen Erkrankungen
Da sich das Borderline-Syndrom häufig hinter einer anderen Krankheit versteckt und mit anderen Kranheiten in Zusammenhang gebracht wird, ist es nicht ungewöhnlich, daß ein Pat. oft während seines ganzen Lebens durch verschiedene Stationen, wie Krankenhäuser, Psychiater, wechselnde Therapeuten, von vielen verschiedenen Diagnosen begleitet wird. Die Borderline-Störung kann Schnittstellen mit vielen anderen Störungen - meist Zustandsstörungen (z.B. tiefe Depression, psychotische Ausbrüche etc) - haben und somit zusammen mit den anderen Störungen gleichzeitig bestehen, so daß sie versteckt wird. Im Rahmen einer Behandlung tritt sie aber nach Auflösen der Zustandsstörung wieder deutlich an die Oberfläche. So kann die zugrundeliegende Charakterstruktur erkannt und behandelt werden. Die Symptome sind meist dauerhaft und verändern sich nur langsam.
A.) Die Borderline-Persönlichkeitsstörung im Vergleich zur Schizophrenie
Patienten, die unter Schizophrenie leiden, sind miest viel stärker beeinträchtigt als Borderlinepatienten und viel weniger in der Lage, andere zu manipulieren und mit ihnen in Verbindung zu stehen. Beide Patientengruppen können erregte, psychotische Episoden durchmachen, aber diese sind bei Borderline-Betroffene meist weniger beständig und weniger vorherrschend. Er funktioniert im sozialen Bereich auch meist viel besser.
B.)Die Borderline-Persönlichkeitsstörung im Vergleich zu affektiven Störungen, z.B. Depression
Depressionen und Manien sind radikale Funktionsabweichungen, und können gewöhnlich mit Medikamenten behandelt werden. Betroffene können zwischen ihren Stimmungsschwankungen somit ein fast völlig normales Leben führen. Borderline-Pat. sind in der Regel jedoch innerlich fast durchgehend in ihrer Funktion beeinträchtigt, selbst wenn keine Stimmungsverschiebungen vorliegen. Ein Betroffener kann durchaus depressiv bzw manisch-depressiv erscheinen - seine Stimmungsvariationen sind aber viel weniger wechselhaft und viel weniger leicht vorhersehbar.
C.) Die Borderline-Persönlichkeitsstörung im Vergleich zu Hypochondrie
Da Borderline-Pat. dazu neigen, sich übersteigert auf ihre körperliche Erkrankungen zu konzentrieren - nicht zuletzt auch um Abhängigkeitsbeziehungen aufrecht erhalten zu können - werden sie oft lediglich als "Hypochonder" eingestuft - das zugrundeliegende Problem, nämlich die tiefgreifende Borderline-Störung - bleibt dabei aber völlig ignoriert.
D.) Die Borderline-Persönlichkeitsstörung im Vergleich zu MPS
MPS (= multiple Identifikationsstörung) wird von einigen Psychiatern als eine besondere Art der Borderline-Persönlichkeitsstörung betrachtet.
Bei beiden Störungen tauchen identische Symptome auf:
Impulsivität
Zornausbrüche
gestörte Beziehungen
auffällige Stimmungsänderungen
Neigung zur Selbstverletzung
Die Spaltung ist bei beiden Krankheiten der wichtigste Verteidigungsmechanismus.
Studien zufolge liegt bei etwa 80 - 85% der Patienten mit multipler Persönlichkeit eine Borderline-Persönlichkeitsstörung zugrunde.
Hauptquelle: "Ich haße Dich- verlaß´ mich nicht", von Jerold J. Kreismann, Hal Straus